Unsere Flüchtlinge - September 2016

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"Meine Erfahrungen mit unseren Flüchtlingen“
April 2016 haben wir 10 Asylwerber aus dem Irak in unserer Pfarre aufgenommen und sind damit auch unserer caritativen Aufgabe und christlichen Verpflichtung nachgekommen. Nach der ersten Zeit des Eingewöhnens und des Kennenlernens hat sich ein vertrauensvolles Verhältnis gebildet, von dem nicht nur unsere Mitbewohner sondern auch wir als Betreuer einen emotionalen Gewinn haben.

Es freut mich immer, wenn ich unseren Schützlingen – sei es als Begleiter bei Amtswegen oder als Überbringer von Sachspenden aus unserem Caritasbestand – helfen kann. Es kommt sehr viel Dankbarkeit zurück, die unserer gesamten Pfarrgemeinde gilt.
10 Männer waren es anfänglich. Jetzt sind es noch 9, von denen einer bereits einen positiven Asylbescheid erhalten hat und ein anderer wieder in den Irak zurückgekehrt ist. 8 Mann warten schon seit Monaten auf die Einladung zum zweiten Interviewtermin und den anschließenden Asylbescheid. Die sehr lange Zeit ist durch nicht vorhandene Bearbeitungskapazität auf der behördlicher Seite bedingt.

Von unseren Männern sprechen einige bereits ganz gut Deutsch. Andere tun sich noch sehr schwer. Trotzdem klappt die Kommunikation zwischen uns, und ich konnte tieferen Einblick über die Herkunft und Motive zur Flucht erfahren. Keinem ist es leicht gefallen, seine Heimat zu verlassen und in einem fremden Land anzukommen, über das er vorher keine oder nur geringe Kenntnisse hatte.

Jetzt besuchen sie Deutsch-Kurse und haben sonst nicht viel zu tun. Gerne sind sie bereit, bei Arbeiten in der Pfarre mitzuhelfen. Man muss ihnen nur sagen, wenn sie gebraucht werden. Ihre finanzielle Situation ist sehr angespannt. Sie wohnen ohne Bezahlung in unserer Pfarre. (Miet- und Energiekosten übernimmt die Caritas Wien) Zusätzlich erhalten sie von der Caritas Wien nur 5€/Tag und 40€ Taschengel/Monat und müssen damit alle Kosten für Verpflegung und persönliche Bedürfnisse abdecken. Das Geld reicht bei weitem nicht. Daher übernimmt un-sere Pfarrcaritas die Kosten für die Monatskarten (43,80€/Karte = gesamt ca. 395€/Monat) für die Fahrten zu den Deutsch-Kursen, Amts-wege usw.
 
Da die Mittel unserer Pfarrcaritas beschränkt sind, ersuchen wir um Unterstützung durch die Pfarrgemeinde mit Geld- und Sachspenden (Hygieneartikel, haltbare Nahrungsmittel usw.) Auch die Pfarren in der Saikogasse und Don Bosco haben uns bereits geholfen.
 
Die Menschen, für die wir mit der Betreuung auch eine Verantwortung übernommen haben, sind nicht eine Belastung sondern eine Bereicherung für unsere Pfarre. Dies auch deshalb, weil anfänglich vorhandene Bedenken gegen ihre Unterbringung in unserer Pfarre ausgeräumt wurden.
Ich freue mich über jedes Treffen mit unseren Asylwerbern. Es bringt mir immer wieder neue Erkenntnisse und Erfahrungen..
Josef ( Joschi ) Novotný
 
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„Buchstaben lernen“
 
 
Es gab von Seiten der Asylwerber, die in Hl. Kreuz leben die Anforderung/Bitte, unsere Buchstaben schreiben zu lernen. Nachdem ich das ABC meinem Sohn spielerisch beibringen konnte, gab ich diese Idee weiter. So schnell konnte ich gar nicht schauen, stand ich im 1. Stock im Pfarrhaus Hl. Kreuz bei den „Burschen“, die zwar die Kunst der arabischen Schrift beherrschen, doch jetzt ganz anderen Herausforderungen gegenüberstehen. Klar. Die Idee war da, jetzt darf ich sie verwirklichen.
 
Die eine Seite sind die Berichte aus Zeitungen und Fernsehen über Flüchtlinge, die andere Seite ist der persönliche Kontakt mit diesen Menschen. Sie haben alle einen Namen, ihre Erfahrungen, ihre Geschichte, ihre Persönlichkeit ganz abgesehen von der Kultur, der anderen Sprache.
 
Wir treffen uns in der Küche. Ist ein zentraler Ort, wo sie alle sind. Da wird gekocht, gegessen, ferngeschaut, geredet, und auch gelernt. Dort steht ein großer Tisch. Aus der Tischlade werden die Mappen und Stifte ausgeteilt, Radiergummi und Spitzer dürfen nicht fehlen. Dann geht es los. Plötzlich sind die erwachsenen Männer Schüler. Buchstabe für Buchstabe üben wir einzeln. Vieles schreibe ich vor, sie vervollständigen die Zeilen. Mit der Bedeutung der Wörter gibt es so manchen Erklärungsbedarf. Zwei von ihnen sprechen ausgezeichnet unsere Sprache und helfen aus, wenn Hände/Füße/Bilder oder die englische Sprache nicht ausreichen. Ein besonders Erlebnis war, als ich ihnen Wörter ansagte und sie es nach dem Gehörten aufschreiben konnten. Das ging, als ich sehr regelmäßig öfter in der Woche bei ihnen war. Mittlerweile ist das ABC fast durch. Es fehlen noch die Umlaute. Es hilft alles nichts. Eine Sprache zu lernen geht nur, wenn sie gesprochen wird. Untereinander sprechen sie ihre Sprache. Und sie verbringen sehr viel Zeit miteinander. Sie freuen sich sehr über Besuch, der jedoch sehr selten ist.
 
Als die vielen Menschen zu uns kamen wusste ich nicht, was ich tun sollte. Ich wartete. Dachte nie daran, jemandem unsere Schrift näherzubringen. Zeitlich gesehen hat es mir einiges an Organisation abverlangt. Das Nachdenken, welche Wörter mit den vorhanden Buchstaben möglich sind, die auch noch leicht erklärbar sind, taten das ihrige. Sowohl mein Mann als auch mein Sohn helfen mir dabei, fragen auch immer und hören sich auch mein Klagen an, wenn etwas nicht so gut gelaufen ist. Insgesamt ist es eine Bereicherung, Menschen zu helfen, sich Neuem, Fremden auszusetzen.
 
Mariann Lachinger
 
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Wie geht es dir denn, mit deinen Flüchtlingen da oben?
 
 
So werde ich immer wieder im Pfarrkaffee gefragt, und ich spüre dabei, dass es sich um ehrliches Interesse handelt. Meine Antwort fällt dann meistens wie folgt aus: Für mich sind diese Menschen sehr wichtig geworden. Ich spreche nicht von „denen da oben“, sondern es sind: Ali, Asad, Haider, Hussein, Sadik, Muhanned, Younis, Karer, Majid und Hamad. Jeder von ihnen hat eine eigene (nicht sehr lustige) Geschichte hinter sich. Es gibt kleine, lösbare Probleme, die wir so gut es geht aus der Welt schaffen können. Es gibt aber auch sehr schwierige Aufgaben. Manchmal schaue ich in sehr traurige Augen und weiß, ich kann nur da sein und Mitgefühl zeigen. Hamad ist vor wenigen Wochen wieder zurück in den Irak gefahren…. das Heimweh war nicht mehr auszuhalten. Sein Foto hängt seither in der Küche. Die Burschen haben es dort aufgehängt.
 
Manchmal ist Ablenkung die einzige kurze Erleichterung. Eine Stunde Badespaß mit meinen Enkelkindern lässt alle kurz die Sorgen vergessen. Die Burschen und die Kinder quietschen vor Begeisterung. Sadik, der normalerweise ganz still ist, strahlt und sagt in schönstem Deutsch: Ich liebe Kinder! Ich muss dabei fest schlucken, denn ich weiß, seine Kinder sind genau im selben Alter.
Ja, die Begegnungen mit diesen Menschen sind die reinste Berg- und Talfahrt, und es kostet eine Menge Kraft, aber ich möchte keine Sekunde davon missen, denn oft habe ich das Gefühl, mehr zurückzubekommen, als ich geben kann.
 
Birgit Brommer
 
 
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