"Zeit" - Oktober 2016

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Merkwürdiges:
“Zeit”
 
Wir sagen, wir dürften „keine Zeit verlieren"; wir fragen uns aber nicht, wie das gehen soll. Wo haben wir die Zeit, die wir verlieren könnten, eigentlich versteckt? Und was geschieht mit der Zeit, die wir „verlieren"? Kann sie jemand finden? Beim Sport sprechen wir von „Zeitnahme" die Zeit kann „ge-stoppt" werden. Kann man die Zeit überhaupt „stoppen"? Sie „läuft" seelenruhig weiter, auch wenn sie „gestoppt“ wurde. „Die Zeiten ändern sich." - ändern sich wirklich die Zeiten? Oder ändern sich nicht vielmehr bestimmte Verhaltensweisen, Gewohnheiten, Dinge, Gegenstände, wir selbst? Zeit, so meinen wir, könne man „sich nehmen“ oder „schenken", etwas könne Zeit „kosten", Zeit lasse sich „auf-schieben", „gewinnen", „erinnern“, „sparen" usw. Diese Redensarten ließen sich noch eine Weile fortsetzen.
 
Wir merken dabei gar nicht, dass sie, genau genommen, allesamt völlig unsinnig sind. Man braucht nur einmal etwas innezuhalten und solche Sätze überdenken, um zu merken, dass wir hier meinen, über etwas verfügen zu können, das wir gar nicht besitzen. Zeit kommt auf uns zu - unaufhaltsam, und sie geht wieder davon - unaufhaltsam. Wir können sie uns nicht „nehmen“, auch wenn wir das manchmal sagen. Und wenn wir - wie in Goethes „Faust" - zum Augenblick sagen möchten: „Verweile doch, du bist so schön", können wir sie trotzdem nicht festhalten, sie entgleitet uns genauso, wie wir sie nicht herbeirufen können. Wir „haben" gar keine Zeit, obwohl wir das sagen. Meistens behaupten wir freilich das Gegenteil (keine Zeit zu haben), aber das stimmt genauso wenig. Zeit ist uns (vor-)gegeben, wir können nicht über sie verfügen.
 
Wir können zwar die Zeit messen. Wie wir einen Raum vermessen. Mit den entsprechenden Geräten sogar ganz genau in Bruchteilen von Hundertstelsekunden. Aber die Zeit ist nicht ein „Etwas", wir können sie nicht „greifen", sie „ist“ eigentlich nicht. „Zeit an sich" gibt es gar nicht. Sie ist nur erfahrbar in Bezug auf „etwas". Wir erleben sie als vor-übergehenden Augenblick von etwas, als etwas, das keinen Raum füllt und keine Ausdehnung hat. Wir können sie aber unmittelbar nicht als „sie selbst“ erleben.
 
Merkwürdig: Wir können etwas auf das Genaueste vermessen, das wir nicht greifen können, das gar nicht „ist". Gewiss, die Gravitation ist auch nicht greifbar, sie „ist" auch nicht ein Etwas. Aber wir spüren ihre Wirkung, wenn wir einen Gegenstand loslassen, den wir in der Hand halten. Doch was bewirkt die Zeit? Dass wir älter werden, könnte man sagen. Aber ist das eine Wirkung der Zeit? Ist die Zeit dafür verantwortlich?
 
(Aus: Norbert Scholl. „Glauben im Zweifel“. Lambert Schneider-Verlag)
 
 
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