- Dezember 2017

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 Wie sich der
christliche Glaube
erneuern kann
 
Die Kirche muss sich ständig an Haupt und Gliedern reformieren. Das forderte schon Augustinus.
 
These 1: Die Kirche braucht eine Sprachoffensive – nach innen und nach außen.
Von den Worten der Kirche werden immer weniger Menschen angesprochen. Somit ist weniger Gott in der Welt. Gerade die Amtsträger müssen eine Sprache finden, die aufgeklärte Menschen existenziell ergreift. Eine Sprache zugleich, die eine breite Basis hat und ebenso von Menschen außerhalb des kirchlichen Milieus verstanden werden kann. Im Zentrum jedes kirchlichen Tuns muss das Verstehen der göttlichen Botschaft stehen.

These 2: Die Kirche muss verdeutlichen, dass die Bibel Gotteswort in Menschenwort ist.
Dabei gilt es, die historisch-kritische Exegese ernst zunehmen und wirklich durchzubuchstabieren, dass die Bibel Gotteswort in Menschenwort ist. Doch die biblischen Autoren sind Schriftsteller, die komponieren und korrigieren. Sie sagen etwas über Gott, Christus und die Welt in den Worten ihrer Zeit. Die biblischen Texte gewinnen an Autorität, wenn in der Verkündigung deutlich wird, dass verschiedene Perspektiven und Widersprüche nicht Lügen sind, sondern Versuche, der Wahrheit ein Gesicht zu geben. Ein fundamentalistisches Verständnis der Heiligen Schrift, ein Wortwörtlich-Nehmen ihrer Texte entspricht in etwa dem rigiden Verständnis des Koran, wenn es heißt, jedes Wort sei direkt von Gott so diktiert worden. Die Vorstellung der Bibel als buchstabengetreues Wort Gottes ist aufzugeben. Gleichzeitig müssen die Glaubenden bereit sein, sich auf mühsame Textarbeit einzulassen. Mehr Bibel lesen heißt: mehr die Bibel studieren. Statt in den Schrank gehört die Heilige Schrift auf den Tisch – und auf den Bildschirm.

These 3: Wir brauchen mehr Gott und weniger Kirche.
Die Gottesfrage muss ins Zentrum rücken. Wer oder was ist Gott? Niemand hat Gott je gesehen, auch der Frömmste nicht. Daran erinnern das Johannesevangelium und der erste Johannesbrief. Doch im Kirchenleben wird oft so getan, als ob Prediger und Zuhörer wüssten, wie Gott ist, was er will und wie er sein wird.
 
Die Kirchen drehen sich zuviel um sich selbst, und die Medien berichten vor allem über Papst, Bischöfe, oder Laien-Prominente. Jesus aber hat keine Kirche gegründet. Er hat Neugierige und Leute, die mit dem religiös Gewohnten unzufrieden waren, in seine Freundschaft mit Gott gebracht. Christsein ist kein Besitz, sondern ein mühsamer existenzieller Weg der Gottsuche auf den Spuren Jesu Christi. Ohne Kirche als Institution und Gemeinschaft ... gibt es keine christliche Überlieferung. Doch im Kern wächst der Glaube von innen her. Kirche kann für die Gottesgeburt im Menschen als Hebamme assistieren. Gebären muss jeder selbst. Das Lebensglück heißt Gott, nicht Kirche.

 
These 4: Ein neuer Sinn für Liturgie ist nötig.
Gemeindliche Feiern, Predigten, Gesänge und die Spendung der Sakramente sind oft erschreckend blutleer und abstoßend oberflächlich. Wenn Liturgie die Feier des Geglaubten ist, lässt dies auf einen Mangel des Geglaubten schließen. Die Inhalte des Glaubens müssen neu erschlossen werden. Die sonntägliche Eucharistie, das Abendmahl sind Zeichen der Vergegenwärtigung der Auferstehung Christi. Viele Riten leiden unter Routine. Glauben lebt in Bewegung. Daher muss Liturgie unbequem sein wie die menschliche Unruhe, aufmüpfig wie die Sehnsucht, laut wie die Verzweiflung, still wie die Erwartung, widerborstig wie Leben, Leiden, Tod und Auferweckung Christi. Es braucht Gottesdienste, in denen Menschen lernen können, achtsam zu sein, zu staunen, zu beten und vor allem – wirklich zu feiern: angesichts des Todes die Auferstehung, das ewige Leben, die Neuschöpfung der Unsterblichkeit inmitten der Sterblichkeit.
 
These 5: Christsein ist politisch.
Christsein hat als Haltung Auswirkungen auf die persönliche Lebensführung. Dazu gehört die Option für die Armen, auch das Erheben der Stimme für die Schwachen, die sonst nicht gehört werden, und das Eintreten für eine solidarische Gesellschaft. Denn das Christentum ist keine Wellnessveranstaltung zur Erzeugung bloß privater Glücksgefühle.
 
These 6: Die Kirche muss sich demokratisieren.
Die katholische Kirche – wie auch die orthodoxe – kann sich nicht länger der vollen Partizipation der Frauen in allen Ämtern verweigern. Die in den Menschenrechten verankerte Geschlechtergerechtigkeit muss auch in der Kirche vollumfänglich umgesetzt werden. „Zentralregierungen“ können nicht bis ins Kleinste alles regeln, es braucht Subsidiarität. Die unteren Ebenen brauchen mehr Rechte, um die Belange zu regeln, die nur sie betreffen. Das gilt für die Bischofskonferenzen im Verhältnis zu Rom und für die Gemeinden im Verhältnis zu ihren Bischöfen.
 
These 7: Die Zukunft des Christentums ist ökumenisch – oder gar nicht. Die Ökumene bedarf der Taten – nicht nur der Worte.
Der gemeinsame Glaube an Jesus Christus sollte genügen, um alle kirchentrennenden Hürden zu überwinden. Christen sollen sich untereinander nirgends ausschließen dürfen.
 
These 8: Das Christentum muss mit allen Religionen gemeinsam danach streben, die Vernunft zum Leuchten zu bringen, die dem Frieden dient, und Fanatismus zu bekämpfen.
Die Universalität Gottes legt es nahe, dass es auch außerhalb der Kirche Heil gibt. Das Christentum soll sich daher im Vertrauen auf wahrhaft fromme und rechtschaffene Menschen in anderen Religionen und auch außerhalb dieser (Atheisten und Agnostiker) weltweit für die Versöhnung von Glaube und Vernunft einsetzen und alles dafür tun, Fundamentalismus und religiösen Fanatismus mit den Mitteln der Vernunft und Humanität zu bekämpfen. Die Religionen sind aufgerufen, stärker als bisher ihre Gemeinsamkeiten herauszustellen, etwa die der Goldenen Regel, die es in den meisten Kulturen gibt.
 
 
(Aus „Christ in der Gegenwart, 44/2017 )
 
 
 
 
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